Wir begegnen täglich Menschen, die freundlich, sympathisch und vertrauenswürdig wirken. Sie lächeln, zeigen Interesse, wählen ihre Worte sorgfältig und präsentieren sich von ihrer besten Seite. Doch wie viel davon entspricht tatsächlich ihrem wahren Charakter?
Gerade bei einer ersten Begegnung ist es erstaunlich schwer, einen Menschen richtig einzuschätzen. Schließlich wissen die meisten von uns ganz genau, welchen Eindruck sie hinterlassen möchten. Manche Menschen können ihre weniger angenehmen Seiten über Wochen oder sogar Monate hervorragend verbergen.
Doch die Psychologie liefert einen interessanten Hinweis: Manchmal müssen wir gar nicht danach suchen, wie ein Mensch über sich selbst spricht. Viel aufschlussreicher kann sein, wie er über andere Menschen spricht.
Und genau hier kommt eine erstaunlich einfache Frage ins Spiel.
Die eine Frage, auf die Sie achten sollten
Die entscheidende Frage lautet:
„Was denkt diese Person über andere Menschen?“
Oder noch einfacher: Wie spricht sie über andere, wenn diese nicht anwesend sind?
Das klingt zunächst fast zu simpel. Doch Untersuchungen aus der Persönlichkeitspsychologie legen nahe, dass unsere Wahrnehmung anderer Menschen tatsächlich einiges über unsere eigene Persönlichkeit verraten kann.
Der Psychologieprofessor Dustin Wood von der Wake Forest University beschäftigte sich gemeinsam mit anderen Forschern mit genau diesem Zusammenhang.
Das Spannende daran: Wenn Menschen andere Personen beschreiben, verraten sie dabei möglicherweise unbewusst auch etwas über sich selbst.
Wer das Gute sieht, trägt häufig selbst Positives in sich
Menschen unterscheiden sich enorm darin, wie sie ihre Mitmenschen wahrnehmen.
Der eine erzählt über einen Kollegen:
„Er ist wirklich hilfsbereit, zuverlässig und versucht immer, das Beste aus einer Situation zu machen.“
Ein anderer beschreibt denselben Menschen vielleicht völlig anders:
„Der tut doch nur so. Wahrscheinlich will er sich bei allen einschleimen.“
Natürlich kann Kritik vollkommen berechtigt sein. Niemand sollte problematisches Verhalten ignorieren oder jeden Menschen zwanghaft positiv darstellen.
Interessant wird es jedoch, wenn sich ein Muster erkennen lässt.
Wenn jemand fast immer zuerst das Schlechte sieht, ständig schlechte Absichten vermutet und kaum ein gutes Wort über andere verliert, kann dies mehr über seine eigene innere Haltung verraten, als ihm bewusst ist.
Umgekehrt wurde eine positivere Wahrnehmung anderer mit positiven Eigenschaften des Beobachters und unter anderem mit größerer Lebenszufriedenheit in Verbindung gebracht.
Achten Sie nicht auf eine Aussage – achten Sie auf das Muster
Das ist der entscheidende Punkt.
Jeder von uns lästert gelegentlich. Jeder ärgert sich über jemanden. Und selbstverständlich gibt es Menschen, deren Verhalten tatsächlich kritisiert werden muss.
Eine einzelne negative Bemerkung sagt deshalb noch lange nichts über den Charakter eines Menschen aus.
Anders sieht es aus, wenn jemand ständig so spricht.
Ist jeder ehemalige Partner angeblich „verrückt“?
Sind alle Kollegen unfähig?
Sind Freunde grundsätzlich neidisch?
Sind erfolgreiche Menschen automatisch arrogant?
Steckt hinter jeder freundlichen Handlung angeblich eine versteckte Absicht?
Dann lohnt es sich, genauer hinzuhören.
Denn irgendwann stellt sich eine interessante Frage:
Sind wirklich immer alle anderen das Problem?
Unsere Urteile können wie ein Spiegel funktionieren
Menschen betrachten die Welt nicht vollkommen neutral. Erfahrungen, Erwartungen, Ängste, Werte und Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, worauf wir bei anderen achten.
Deshalb können unsere Beschreibungen anderer manchmal wie eine Art psychologischer Spiegel wirken.
Wer selbst großen Wert auf Ehrlichkeit legt, bemerkt Ehrlichkeit möglicherweise besonders schnell. Wer ständig Konkurrenz erwartet, interpretiert das Verhalten anderer womöglich häufiger als Wettbewerb. Wer grundsätzlich misstrauisch ist, entdeckt leichter vermeintlich versteckte Motive.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Kritik eine Projektion ist.
Vielmehr geht es um wiederkehrende Wahrnehmungsmuster.
Wie jemand die Welt betrachtet, erzählt häufig auch eine Geschichte über denjenigen, der sie betrachtet.
Besonders aufschlussreich: Wie spricht jemand über Menschen, von denen er nichts mehr braucht?
Noch interessanter wird es bei Menschen, die gerade nicht anwesend sind.
Wie spricht jemand über einen Kellner, einen ehemaligen Partner, einen früheren Kollegen oder einen Menschen, der ihm keinen Vorteil mehr verschaffen kann?
Zeigt er weiterhin Respekt?
Kann er Fehler benennen, ohne den gesamten Menschen abzuwerten?
Kann er sagen: „Wir haben einfach nicht zusammengepasst“ – oder muss der andere automatisch zum Bösewicht werden?
Genau solche kleinen Situationen können langfristig wesentlich aufschlussreicher sein als große Worte über Moral, Loyalität oder Freundschaft.
Denn Charakter zeigt sich häufig dort, wo niemand versucht, Eindruck zu machen.
Vorsicht vor vorschnellen psychologischen Diagnosen
Die Ergebnisse solcher Studien sollten allerdings nicht als eine Art Persönlichkeitstest verstanden werden.
Wer andere häufig kritisiert, ist deshalb nicht automatisch narzisstisch, antisozial oder psychisch krank. Auch Stress, schlechte Erfahrungen, aktuelle Konflikte oder das soziale Umfeld können beeinflussen, wie jemand über andere spricht.
Die Forschung beschreibt statistische Zusammenhänge, keine einfache Formel nach dem Motto:
„Wer schlecht über andere spricht, ist ein schlechter Mensch.“
So funktioniert Psychologie nicht.
Doch als Hinweis im Alltag kann die Beobachtung ausgesprochen interessant sein.
Hören Sie beim nächsten Gespräch etwas genauer hin
Wenn Sie einen neuen Menschen kennenlernen, achten Sie deshalb nicht ausschließlich darauf, was er über sich selbst erzählt.
Achten Sie darauf, wie er über andere spricht.
Freut er sich über den Erfolg anderer?
Kann er jemandem Anerkennung geben, ohne sofort einen Fehler hinterherzuschieben?
Spricht er respektvoll über Menschen, mit denen er nicht einer Meinung ist?
Oder scheint beinahe jeder Mensch in seiner Umgebung irgendwann zum Idioten, Lügner, Versager oder Feind zu werden?
Vielleicht benötigen Sie dann gar keine komplizierten psychologischen Tricks.
Manchmal genügt tatsächlich eine einfache Frage:
„Was denkt dieser Mensch über andere?“
Denn während wir glauben, über andere zu sprechen, erzählen wir manchmal unbewusst sehr viel über uns selbst.










