• Viele Mütter kennen das Gefühl, das eigene Kind wäre ein Stück weit Teil von einem selbst.
  • Ein Vorgang während der Schwangerschaft könnte dafür eine biologische Erklärung liefern.
  • Faszinierend: Der Embryo hinterlässt Spuren im Organismus der Mutter, möglicherweise für immer.

 

So kompliziert der Begriff ist, so faszinierend das Phänomen, das sich hinter “Mikrochimärismus” verbirgt: Zellen des Embryos oder ab dem vierten Schwangerschaftsmonat des Fötus, gehen auf die Mutter über und leben dort über Jahre oder sogar lebenslang. Was unheimlich klingt, ist biologische Realität.

Wolfgang Würfel erklärt, wie es zu der Bezeichnung kommt: Eine Chimäre ist ein Lebewesen, das aus mehr als einer Zelllinie besteht, zum Beispiel aus zweien oder dreien”, sagt der Experte für Reproduktionsimmunologie. “Bei einer Mikrochimäre ist es so, dass eine Zelllinie extrem dominiert. Eine weitere kann in einer Schwangerschaft erworben werden. Das und alles, was damit verbunden ist, wird mit dem Begriff Mikrochimärismus umschrieben.”

Erstmals entdeckt wurde das Phänomen bereits 1890 von dem deutschen Pathologen Schmoll, geriet dann aber in Vergessenheit. Erst ab den 1960-er Jahren wurde wieder mehr dazu geforscht.

Hauptstraße vom Embryo zur Mutter

Während der Schwangerschaft entsteht eine enge, an den Grenzen fast nicht identifizierbare Verzahnung zwischen dem Mutterkuchen, der Plazenta, und der Gebärmutter. “Es findet in der Schwangerschaft quasi ein Invasionsprozess statt, bei dem sich die Plazenta in die Gebärmutter hineinwühlt. Dieser Mechanismus hat zur Folge, dass es zu Abschilferungen von Zellen in den mütterlichen Organismus kommt”, erklärt der Experte und betont: “Es findet ein beachtlicher Zelltransfer statt vom Embryo beziehungsweise Feten ausgehend. Das ist das dominierende beim Mikrochimärismus und quasi die Hauptstraße, auf die es geht. Damit zirkulieren im mütterlichen Organismus und Blut embryo-fetale Zellen.”

Mutterliebe durch Mikrochimärismus?

Möglicherweise beeinflusst der Transfer von Zellen zwischen Kind und Mutter auch deren starke emotionale Bindung: “Es wird spekuliert, dass der Mikrochimärismus einer der entscheidenden Mechanismen für dieses enge Band sein könnte”, sagt Würfel.

“Die transferierten Stammzellen gehen stark ins zentrale Nervensystem der Mutter über, daher ist das möglich und wird auch diskutiert.” Jedoch gibt es auch eine Reihe anderer Faktoren wie Kindsbewegungen im Mutterleib, die Geburt oder das Stillen, die die Hormone der Mutter und ihre Bindung zum Baby beeinflussen.

Stammzelltransfer als “Jungbrunnen für die Mutter”

Was aber sind das für Zellen, die vom heranwachsenden Leben im Mutterleib auf deren Organismus übergehen? “Darunter sind Stammzellen, Zellen der Plazenta und mit zunehmendem Werden des Embryos auch organspezifische Zellen”, sagt der Experte. Am einfachsten zu erklären sind in dem Zusammenhang die embryo-fetalen Stammzellen und ihre Wirkung auf den Körper der Mutter.

Der entscheidende Punkt: Stammzellen werden vom Immunsystem nicht angegriffen. Das heißt, die fetal-embryonalen Stammzellen können sich frei im Organismus der Mutter bewegen und auch dort ansiedeln – bevorzugt an Orten des zentralen Nervensystems wie Gehirn oder Rückenmark, aber auch in den Eierstöcken oder anderen Organen wie Lungen, Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse.

“Es gibt auch Studien, die zeigen, dass sie über Jahre hinweg bleiben, möglicherweise lebenslang”, so Würfel. “Dieser Stammzelltransfer ist noch nicht endgültig erforscht. Aber man vermutet in hohem Maße, dass er revitalisierende Funktionen für den weiblichen Körper mit sich bringt. Das ist allerdings nicht extrem ausgeprägt, weil es sich um nur sehr kleine Zellzahlen handelt.”

Zum Beispiel sei aber erwiesen, dass Frauen, die schwanger waren, eine höhere Lebenserwartung haben als jene, bei denen dies nicht der Fall war. Auch haben Frauen, die einen Fötus oder Embryo in sich trugen, ein geringeres Risiko für manche Krebsarten, wie zum Beispiel Blasen- und Brustkrebs. Im Rahmen der Gendermedizin müsste daher nicht nur zwischen Männern und Frauen unterschieden werden, sondern auch zwischen Frauen, die geboren oder nicht geboren haben, fordert der Mediziner.

Fötuszellen begünstigen Schilddrüsenkrankheit der Mutter

Eine längere Lebenserwartung und ein niedrigeres Krebsrisiko wären eine gute Nachricht für alle Frauen, die einen Kinderwunsch hegen. Doch es gibt auch eine Kehrseite, denn der fetale Mikrochimärismus begünstigt einige Autoimmunkrankheiten. Am bekanntesten als häufig durch ihn ausgelöste Autoimmunkrankheit ist die Schilddrüsenentzündung vom Typ Hashimoto-Thyreoiditis, sagt Würfel.

Herausforderung männliche Zellen

Bei der Entstehung der Autoimmunkrankheit macht auch das Geschlecht des heranreifenden Kindes einen Unterschied: “Eine Frau, die mit einem Jungen schwanger ist, ist wesentlich mehr gefordert”, weiß Wolfgang Würfel. Die Ursache liegt in den Genen: “Der Mann ist genetisch gesehen durch das Y-Chromosom als Erbanlage in der Zelle eine Plus-Variante. Somit stellen die zirkulierenden Zellen des männlichen Feten für das Immunsystem der Mutter eine größere Herausforderung dar als die des weiblichen. Das hat auch zur Folge, dass man Autoimmunerkrankungen infolge einer Schwangerschaft deutlich häufiger bei solchen mit männlichen Embryos diagnostiziert. Insgesamt ist das glücklicherweise aber selten”, so der Reproduktionsmediziner.

Umgekehrt kann über die Plazenta auch mütterliches Erbgut zum Fötus gelangen und im Körper des Kindes verbleiben. “Dies führt in erster Linie zu einer ‘Leihimmunität’ für das Neugeborene”, sagt Wolfgang Würfel. Man vermutet, dass durch diesen Zelltransfer aber auch Autoimmunkrankheiten beim Kind begünstigt werden können. Die genauen Mechanismen sind bislang aber unklar.

Schlüssel zur Stammzelltherapie?

Die Erkenntnisse rund um den fetal-mütterlichen Mikrochimärismus könnten helfen, bislang unheilbare Erkrankungen unserer Zeit zu behandeln. Das Geheimnis besteht darin, das menschliche Immunsystem noch besser zu begreifen, indem wir verstehen, warum das Immunsystem der Mutter die Stammzellen des Fötus nicht angreift.

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